29 January 2011

Joachim Lehrer - Ein alter Meister

Eigentlich bin ich blind, mein Ohr ist mein Auge, aber es gibt einen Maler, dessen Bilder mich immer wieder faszinieren: Joachim Lehrer aus Tübingen.

Hölderlin oder das goldene Zeitalter - Joachim Lehrer 2005

Er ist im besten Sinne ein alter Meister, da seine Bilder in tradierter Maltechnik (mühsam) entstehen. Es ist nicht die mal hingeworfene Moderne, sondern Strich für Strich komponierte Beobachtung. Und weil die Arbeit so faszinierend ist und mir die Worte fehlen, darf ich das Verfahren von seiner Seite hier wiedergeben:



Maltechnik: Harz-Öllasur auf Kreidegrund über Holz

Aus vielen Lasuren setzt sich das Bild langsam zusammen, Lasuren: so dünn, daß der Pinsel keine Spuren hinterlassen kann. Ins Dunkle vertieft und im Licht leicht pastos aufgetragen: so wird die fast fotografisch-glatte Oberfläche lebendig in ihrer Wechselwirkung - hier deckend, dort durchscheinend bis auf den Malgrund. Noch Jahrhunderte nachdem niederländische Maler dieses Malverfahren entwickelten, wird dieses weiterhin modernen Aufgabenstellungen gerecht.

Die Bildidee wird formuliert - Die Vorzeichnung
Hier findet der eigentliche kreative Prozess statt. Im Maßstab 1:1 wird die äußerst flüchtige und unscharfe Vorstellung des späteren Bildes festgehalten und bis in die Einzelheiten ausgearbeitet.

Zustand: 26. März 1999
Eine Holzplatte, mehrmals mit Kreide grundiert und geschliffen, gibt den papierglatten Malgrund, auf dem die Malerei zu ihrer höchsten Wirkung gelangt. Hierauf wird die Imprimitur aufgetragen. Dieser Grund-“Ton“ (hier blaugrau, im Licht orange) stimmt das Bild wie eine Stimmgabel, jede spätere Lasur wird in ihrem Ton hiervon geleitet. Nun wird die Vorzeichnung übertragen und flächig hell - dunkel modelliert. Diese Arbeitsschritte werden in schnelltrocknender Acrylfarbe ausgeführt.

Zustand: 31. März 1999 - Der Fernfahrer - Jochim Lehrer 1999
Nun beginnt das eigentliche Spiel der Farben. Halbdeckend, von der Ferne in die Nähe vortastend, bekommt das Bild Körper und Farbe. In Harz und Leinöl gebettet, spielen die Pigmente ihre kristallinen Eigenschaften aus: Transparenz, Brechen, Zerstreuen. Das gemeinsame Prinzip ist der Übergang von fast deckend bis hin zur luftigen Transparenz. 
Zustand: 8. April 1999 - Der Fernfahrer - Jochim Lehrer 1999
Schicht um Schicht gewinnt das Bild an Farbe und Plastizität. Die wesentlichen Bildelemente sind nun angelegt, und bis auf Ausnahmen verabschieden sich hier die Pigmente, die hauptsächlich deckende Eigenschaften besitzen.

Zustand: 19. April 1999 - Der Fernfahrer - Jochim Lehrer 1999
 Die lange Zeit der Detailarbeit beginnt. Lasuren werden gelegt, feine, hochtransparente Farbschichten, dahinein mit feinstem Pinsel hier Lichter gesetzt, dort Schatten vertieft. Auf dem Weg durch viele Lasuren hindurch erhält der Lichtstrahl seinen Ton: das Tiefenlicht ist entstanden, emailleartig und rätselhaft, wie keine andere Mal- , geschweige denn Drucktechnik, es erzeugen kann. 

Zustand: 28. April 1999 - Der Fernfahrer - Jochim Lehrer 1999
Das fertige Bild wird nach dem Trocknen der Lasuren gefirnisst: ein dünner Dammarharz-Überzug verleiht dem Bild einheitliche Oberflächenwirkung und schützt die darunterliegenden Malschichten.

Vollendet: 6.Mai 1999 - Der Fernfahrer - Jochim Lehrer 1999
Copyright Joachim Lehrer
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Aber Maltechnik ist nicht alles. Seine Betrachtungsweise beschreibt mit leichter Ironie unser tägliches Leben. Technik wird zum menschlichen Panoptikum. Die Bilder beschreiben unser Narrenschiff aus der Ferne mit sentimentalem, leicht traurigen Unterton. Tempi passati ...aber doch heute. Wer wollte da nicht Laster sein - und wenn ein LeseLaster ist.

Mehr zur Person in einem Interview von Wilhelm Triebold im Schwäbischen Tagblatt: Detailgenauer Porträtist und auf seiner Homepage  .