18 March 2011

Matthias Damann: Luthier, Gitarrist und empirischer Wissenschaftler

Interview mit Matthias Dammann

(You will find an English translation here.)

Hajo:
Die klassische Gitarre wird meist als Soloinstrument eingesetzt. Im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten leidet sie an Durchsetzungsfähigkeit. Wo können Deine Gitarren im musikalischen Umfeld sinnvoll eingesetzt werden? Wo sind die Grenzen?

Matthias:
Eine klare Grenze gibt es beim Einsatz im Orchester oder bei größeren Kammermusikbesetzungen.Aber dieses Problem lässt sich leicht lösen: Mit guten Tonabnehmern und dem richtigen Wiedergabesystem kann die Gitarre dem Level der anderen Instrumente angeglichen werden. Die Tontechnik ist heute soweit fortgeschritten, sodass man sie auch in Solo-Live-Darbietungen nutzen kann, ohne einen Stilbruch zu begehen. Doch auch die beste Technik kann nicht mehr leisten als derjenige, der sie bedient.

Die Gitarre unterliegt einem weiteren limitierenden Faktor:
Sie ist auf die "Mithilfe" vieler anderer Faktoren angewiesen: Die Stimmung, die Saiten, die Mechanik des Anschlags usw. In dieser Hinsicht hat es ein Klavierbauer einfacher. Er kann fast alle Komponenten seines Systems bestimmen. Somit kann sich der Pianist mehr auf die Interpretation konzentrieren. Der Gitarrist dagegen muss den handwerklichen Teil der Tonproduktion zugleich meistern.

Der Klang der Gitarre wird somit durch drei wesentliche Faktoren bestimmt: den Klangkörper, den Spieler und die Raumakustik. Und gerade beim Letzteren kann die Gitarre nicht viel Eigenleistung erbringen. Sie ist auf die "Mithilfe" eines optimalen Raumes angewiesen. So bedauere ich es oft, das Solisten überall spielen und nicht kritischer bei der Auswahl des Ambientes oder Saales sind. Was nützen Konzerte von den tollsten Interpreten, wenn die akustischen Bedingungen es unmöglich machen, den vollen Klang des Instrumentes zu erfassen. In einem solchen Falle sollte man besser mit einer gut gemachten und dem Raum angepassten Verstärkung spielen.

Hajo:
Zugespitzt gefragt: Wer ist für den Klang im wesentlichen verantwortlich: die Gitarre oder der Spieler?

Matthias:
Beide - die Gitarre und der Spieler - jedes Teil für sich hat seinen Raum und damit seine Grenzen in der er sich bewegen kann.

Die Gitarre hat ihre Eigenschaften: den Klangkörper, das Timbre, der Charakter des Instruments. Sie kann nicht Dinge produzieren, die der Spieler machen muss. Auf der anderen Seite kann sich der Spieler noch so sehr um einen guten Ton bemühen und klanglich feinsinnig spielen: Er wird niemals den Charakter des Instruments verändern können. Er bleibt immer in dem vorgegeben Rahmen, den er allerdings ausschöpfen kann.

Aber man darf den Hörer in diesem Zusammenspiel nicht vergessen. Er ist normalerweise nicht in der Lage zu differenzieren, ob der Klang durch die Gitarre oder den Spieler geprägt wurde. Er hört ganzheitlich. Bei "professioneller" Hörweise muss man natürlich differenzieren. So muss ich mich als Gitarrenbauer fragen: Wo liegt mein konstruktiver Einflussbereich und was obliegt der Kunst des Spielers. Und an dem letzten Punkt habe ich als Gitarrenbauer auch leider das Problem, daß ich auf die Anschlagtechnik des Gitarristen sehr wenig Einfluss nehmen kann.

Hajo:
Heißt das, daß eine sehr gute Gitarre auch einen sehr guten Spieler erfordert, um ihre Fähigkeiten auszureizen?

Matthias:
Nein, eigentlich nicht. Aber, wenn eine Gitarre besonders gute Qualitäten hat, muss natürlich auf der anderen Seite der Spieler eine besondere Sensibilität für Klänge haben und in der Lage sein diesen speziellen Klangcharakter in diesem Instrument darzustellen.

Stellen wir uns Extrembeispiel vor: Ein amateurhaft spielender Gitarrist, der aber ein sehr gutes Klangempfinden hat, kann auf einem Instrument wesentlich mehr zu Gehör bringen als ein Virtuose, der dieses Instrument spielt, weil er es gerade in der Hand hat und dabei die klanglichen Qualitäten nicht berücksichtigt.

Hajo:
Welche Rolle spielen bei der Tonproduktion die Anschlagstechnik und die Klangeigenschaften der Gitarre.

Matthias:
Der Anschlag des Gitarristen ist eine wichtige Komponente die eine dominierende Rolle im resultierenden Gesamtklang spielt. Sie sollte vom Solisten entsprechend perfektioniert werden, wobei er sich der grundlegenden physikalischen Grundvorgänge bewusst sein sollte.

Bei der Gitarre handelt es sich immer um zwei Schwingungssysteme: Das eine ist der Korpus. Das andere sind die Saiten. Die Saiten müssen so in Schwingung versetzt werden, dass diese möglichst effizient mit dem Korpus gekoppelt werden.

Die angeschlagene Saite kann in viele Richtungen schwingen (horizontal / vertikal etc.), die Decke dagegen in nur einer, nämlich senkrecht. Deswegen muss die Spieltechnik so angelegt sein, dass immer ein großes Maß an senkrechtem Schwingungsanteil bei den Saiten vorhanden ist.

Somit ist ein optimaler Anschlag notwendig, um die Potentiale einer Gitarre auszunutzen.

Hajo:
Welche Kriterien bestimmen die Entwicklung Deiner Instrumente: Sind es wissenschaftliche Vorgehensweisen, ist es Empirie oder sind es die spielerischen Möglichkeiten, die Deine Bauweise charakterisieren ?

Matthias:
Ich würde meine Vorgehensweise als empirische Wissenschaft bezeichnen. Grundlage für die Optimierung des Instrumentes ist ausdauernde und sorgfältige Beobachtung und Bewertung ihrer unterschiedlichen klanglichen Erscheinungsformen.

Nach langjähriger Erfahrung war es mir dann möglich, die klanglich relevanten Parameter der Konstruktion herauszufinden und zu modifizieren.

Der systematische Zyklus: Beobachten, Beurteilen, Modifizieren, Beobachten, Beurteilen .... wird bei jeder Gitarre durchgeführt und zeitigt dann auch entsprechende Ergebnisse.

Wie ich bei vielen Gitarren auch anderer Gitarrenbauer beobachten konnte, gibt es viele Zusammenhänge zwischen Klang und Konstruktion, die sich immer wiederholen, die als quasi Konstanten im Gitarrenbau sind. Daraus versuche ich Rückschlüsse zu ziehen, die sich mit den physikalischen Gesetzen decken. Meine Wissenschaft beruht weitgehend auf qualitativem Wissen. Ich weiß z.B. das ein großes Schallloch oder eine dickere Decke die Resonanzfrequenz erhöht, und vice versa. Aber ich fange nicht an mit Elastizitätsmodulen zu rechnen, um die Resonanzfrequenz zu bestimmen. Das ist nach meiner Ansicht unsinnig. Die Arbeit mit Erfahrungswerten und und einer gewissen Systematik, um Zufälle - soweit das möglich ist - mit der Zeit auszuschalten, erscheint mir die effektivere Vorgehensweise.

Hajo:
Klänge in Worte zu fassen, die auch von anderen gleich interpretiert werden, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem: Kannst Du Deine Klangvorstellungen beschreiben, die Du beim Gitarrenbau zu realisieren versuchst?

Matthias:
Die klangliche Erfahrung des eigenen Spiels ist für mich der zentrale Punkt. Mein Gitarrenstudium, das ich in Frankfurt abgeschlossen habe, war in jeder Beziehung sehr intensiv. In dieser Zeit wurden Grundzüge meiner Spieltechnik und die damit verbundenen Klangvorstellungen wesentlich geprägt.

Mein persönliches Klangideal ist von einer sehr starken Grundtönigkeit geprägt. So hat z.B. ein Cembalo auch in den Bässen einen sehr starken Obertonanteil und der Grundton ist relativ schwach dagegen. Im Gegensatz dazu ist ein Klavier sehr viel grundtöniger.

Bei Gitarren kann die Relation von Grundton zu Oberton unterschiedlich ausgeprägt sein. Ein grundtöniges Instrument wird nicht nur durch einen starken Bass definiert. Die Grundtönigkeit teilt sich auch in den obersten Registern mit. Dies bedeutet, dass auch ein Instrument mit einem schwachen Bass grundtöniger sein kann, als ein vielleicht basslastiges Instrument, das einen nasalen, dünnen Ton hat.

Streichinstrumente werden nach ähnlichen Kriterien bewertet. Dort setzt man die Formanttheorie ein, die die Klangcharakteristik von Vokalen verwendet, um ein Instrument zu klassifizieren. Ein Instrument kann nach "U", "O", "A", "E" oder "I" klingen. Mit dieser Klangfarbe ist eine Wertung verbunden. Instrumente, die nach "E" oder "I" klingen, werden aufgrund des nasalen Charakters dieser Vokale auf die Seite gelegt. Instrumente die nach "O" oder "A" klingen, werden bevorzugt. Instrumente mit einem Klangcharakter, der sich am "U" orientiert, sind etwas zu dunkel, zu muffig und werden nicht als gute Instrumente angesehen. Es gibt somit im Geigenbau eine ganz eindeutige und akzeptierte Wertung, die nicht mit Geschmacksfragen verwechselt werden kann. Ich plädiere dafür, dieses System auch für Gitarren zu etablieren.

Jeder kann dies praktisch mit einfachen technischen Mitteln nachvollziehen. Wenn man eine musikalische Darbietung durch einen Equalizer filtert, in dem man die verschiedenen Formantbereiche anhebt oder absenkt, bekommt man nicht nur die Klangveränderung, sondern auch eine Wertung mitgeliefert: Es gibt immer eine klangliche Veränderung, die angenehm oder unangenehm empfunden wird.

Die Dominanz des "E" und "I" Registers ist leider sehr vielen Gitarren eigen, welche durch die Angewohnheit der meisten Spieler, zu nahe am Steg zu spielen, noch verstärkt wird, anstatt dieselbe durch Anschlag über dem Schallloch zu kompensieren. Das klangliche Ideal, welches den spanischen Gitarren um 1900 zu Grunde lag, war wohl ein ganz anderes. Ich habe daher das Bedürfnis, dieser "ursprünglichen"Klangästhetik neues Leben zu geben.

Hajo:
Kannst Du noch etwas zum Verhältnis Lautstärke und Sustain sagen ?

Matthias:
Bei diesen Parametern gilt es zwei Phänomene zu beobachten. Man muss zwei Arten von Lautstärke unterscheiden. Die eine könnte man Projektionskraft bezeichnen. Instrumente mit großer Projektion produzieren auch bei leichtem Anschlag einen sehr durchdringenden, weit in den Saal vordringenden Klang. Diese Eigenschaft resultiert aus dem Fakt, dass Gitarren in dem Frequenzbereich abstrahlen, für das das menschliche Ohr am empfindlichsten ist. Diese Instrumente haben einen eingebauten "Megaphoneffekt". Eine solche Klangfarbe hat den Vorteil, dass die reine Toninformation im Raum sehr weit vordringt. Ein wichtiges Merkmal für die Wiedergabe von Sprachinformationen. Das klanglich sinnliche Moment bleibt dabei aber etwas im Hintergrund.

Auf der anderen Seite gibt es Instrumente die keine besondere Projektionskraft haben, die man aber sehr laut spielen kann. Es ist also nicht die Frage: Wie laut ist das Instrument an sich? Sondern: Wie laut kann ich es ohne Einbuße der Klangqualität spielen? Die Lautstärke ist somit auch immer eine Qualitätsfrage. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine alte Hauser-Gitarre im pianissimo und mezzoforte Bereich wunderschön klingt. Sobald man eine solche Gitarre an die oberen Dynamikgrenzen treibt, kippt das Klangbild um. Die Klangfarbe wird spitz und übersteuert. Umgekehrt: Instrumente, die sehr grundtönig sind, die pianissimo gespielt fast zu dumpf klingen, entwickeln im fortissimo Einsatz erst die richtige Brillanz und klingen dann auch noch sehr edel.

Das Sustain ist ein anderes Phänomen, das mit der Hörpsychologie zusammenhängt. Das Ohr hört nicht die tatsächliche Tondauer, sondern es hört das Verhältnis der Tonstärke beim Einschwingvorgang zum ausklingenden Ton. Ein Instrument ist nur nach dem Einschwingvorgang laut. Das Ausklingen ist - auch bei der lautesten Gitarre – immer leise. Das Ohr empfindet diese am Anfang starke, dann absterbende Kurve der Tonstärke und bekommt den Eindruck, dass der Ton perkussiv und kurz ist. Wenn man dies aber technisch nachmisst, kann man feststellen, dass bei einem lauten Instrument der Ton genauso lang ist, wie bei einem leisen Instrument, dem man sehr viel Sustain zuschreibt. Aber das Ohr "empfindet" subjektiv. Ein lautes Instrument wird daher immer perkussiver mit weniger Sustain empfunden. Das perkussive Element ist für mich aber ein wesentliches Charakteristikum des Gitarrenklangs.

Hajo:
Gibt es Instrumente oder Gitarrenbauer die Dich beeinflusst haben?

Matthias:
Ja! Als erstes muss ich Daniel Friedrich erwähnen. Ich hatte von ihm eine Gitarre mit Fichtendecke von 1968 auf der ich 6 Jahre intensivst Gitarre gespielt und studiert habe. Sie hat auch die Spieltechnik meiner rechten Hand geprägt. Das Instrument hatte einen sehr gesunden Bass und klang im Verhältnis zu anderen Gitarren aus dieser Zeit sehr grundtönig.

Es folgten Instrumente, die mich von ihrer Projektionskraft und Unkompliziertheit beeindruckt haben. So z.B. eine Gitarre von Robert Ruck, die Manuel Barrueco spielte und die man heute noch auf den Aufnahmen hören kann.

Erst viel später kamen eigene Erfahrungen mit Torres-Gitarren. Ich hatte vermutet, das Torres Gitarren so ähnlich wie Instrumente von Romanillos oder Hauser klingen würden. Beide Luthiers beriefen sich ausdrücklich auf  Torres. Ich hatte dann die Gelegenheit, zwei Torresgitarren zu restaurieren. Natürlich habe ich auch den Klang dieser alten Instrumente studiert. Der Klangeindruck war aber ein ganz anderer. Ein sehr tiefer, grundtöniger Klang, den man auch fordern kann, der auch im Fortissimo immer sehr warm klingt. Es waren Instrumente, die sehr stark nach "O" oder "A" klingen und sehr wenig Nasal-Anteile hatten. Ich hatte den Klang gefunden, den ich unbewusst immer gesucht habe.

Hajo:
Du hast sehr präzise Vorstellungen wie Dein Instrument klingen soll. Wie erreichst Du durch konstruktive Maßnahmen Deine Klangvorstellung?

Matthias:
Ich versuche durch Beobachtung und sehr viel Experimente die konstruktiven Variablen der Gitarre so zu manipulieren, dass die Gitarre ungefähr das macht, was ich mir vorstelle. Es gibt verschiedene klangbeeinflussende Faktoren beim Instrument: Die Proportionen der Gitarre, die Deckenstärke und speziell die Beschaffenheit der Decke, die zum Großteil für den Klangcharakter verantwortlich ist.

Beim Experimentieren mit dem Gitarrenklang gibt es ein großes Problem: Wenn ich zwei verschiedene Instrumente baue vergehen dazwischen Monate und ich traue meinem Urteilsvermögen dann nicht mehr. Wenn ich mehrere Gitarren gleichzeitig baue und alle verschieden konstruiere, habe ich natürlich verschiedene Ergebnisse. Aber diese sind nicht unbedingt vergleichbar. Instrumente mit unterschiedlichen Deckenstärken werden verschieden klingen. Aber daraus zu schließen, dass die Dicke der Decke allein verantwortlich für die Abstimmung ist, greift zu kurz. Auch in den anderen Materialkonstanten oder geringfügigen Konstruktionsvarianten können die Ursachen liegen.

Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, führe ich meine Experimente nur an ein und demselben Instrument durch. Diese Modifikationen am fertigen Instrument unterscheidet mich wohl von den meisten anderen Gitarrenbauern. Meine eigentliche Arbeit an der Intonation des Instrumentes beginnt, wenn die Gitarre nach traditionellem Verständnis schon fertig ist. Mit wenigen Handgriffen erreiche ich die bauliche Veränderung und höre beim Spiel sofort welchen Einfluss dieses Teil hat. Ich habe damit eine sicherere Entscheidungsgrundlage, ob die Veränderung meinen Vorstellungen entspricht.

Da die Gitarre die angenehme Eigenschaft besitzt ein Schallloch zu haben, kann man eine Vielzahl klangverändernder Maßnahmen vornehmen. Das kann soweit gehen, dass ich bei fertigen Instrumenten komplette Beleistungssysteme herausnehme und modifiziert wieder neu einleime. Es gibt mittlerweile ganz raffinierte Werkzeuge, die diese Arbeiten unterstützen. Die Radikalität meiner Arbeitsweise erlaubt mir, Veränderungen in kürzester Zeit bewerten und vergleichen zu können.

Hajo:
Unterscheidet sich Deine Konstruktion wesentlich von der "klassischen" spanischen Gitarre?

Matthias:
Nein, überhaupt nicht. Meine Instrumente sind absolut nach den Regeln und traditionellen Vorgaben gebaut, die damals durch Torres und seine Nachfolger festgelegt wurden. Ich habe sehr viel ausprobiert und war auch bereit traditionelle Vorgaben zu modifizieren: die Proportionen, die Lage des Schallloches, extreme Wölbungen vergleichbar mit der Geige, Änderungen der Saitenbefestigungen, um die Decke spannungsfrei zu halten, Beleistungen des Bodens in Längsrichtung , Versteifungen des Bodens oder des Halses etc..

Es hat alles nichts gebracht. Mittlerweile bin ich aber überzeugt, dass das traditionelle System erstaunlich gut funktioniert und im seinen Grundzügen keiner Verbesserung mehr bedarf.

Hajo:
Wie siehst Du bezogen auf die Klangeigenschaft das Verhältnis Decke - Rest der Gitarre?

Matthias:
Boden, Zargen und Hals haben keine wesentliche abstrahlende Funktion. Das heißt aber nicht, dass es vollkommen egal ist, wie sie beschaffen sind. Wenn z.B. eine Deckenressonanz auftritt, dann gehört zu dieser Halbwelle immer noch die andere Hälfte, die im Boden oder am Hals verläuft. Dieser zweite Teil der Schwingung trägt zwar nicht zur Abstrahlung bei, ist aber notwendig, damit sich die Schwingung auf der Decke ausbilden kann. Wenn der Boden extrem schwer oder der Hals extrem steif ist, kann sich diese Schwingung fast nicht ausbilden und somit ist auch die Schwingung an der Decke behindert.

Hajo:
Dann kommen wir mal zu Deiner Deckenkonstruktion, die sich wesentlich von anderen Gitarren unterscheidet.

Matthias:
Es war wieder eine Erfahrungssache: Gitarren mit leichtem Deckenmaterial haben in meinen Ohren immer besser geklungen als solche mit schwerer Decke. Ich setzte meine Versuche mit leichtem Material fort, die weitere Verbesserungen im Klang brachten. In der Folge habe ich nach Möglichkeiten gesucht, von den naturgegebenen Konstanten unabhängig zu werden.

Wenn ich also ein schönes, aber zu schweres Holz hatte, habe ich systematisch versucht, dieses durch geeignete Konstruktionsmittel leichter zu machen. Dies hat mich zur Sandwichbauweise geführt. Dies ist ein Prinzip, das man in der Technik und in der Natur überall beobachten kann. Das Holz selbst weist Merkmale der Sandwichbauweise auf. Unter dem Mikroskop betrachtet findet man Hohlräume, die in Kammern eingeschlossen sind. Ich habe dieses Mikrosystem quasi vergrößert und in einer Sandwichbauweise integriert. Die statische Konstruktion ist damit genauso stabil wie Massivholz, aber wesentlich leichter. Diese Technik wird im Flugzeugbau ganz konsequent angewendet. Ich verwende mittlerweile ein Wabensystem, das in diesem Bereich entwickelt und eingesetzt wird.

Hajo:
Deine Decken unterscheiden sich weiterhin dadurch, dass sie im unteren Bereich keine Wölbung haben. Wie begründest Du dieses Konstruktionsmerkmal?

Matthias:
Ich hatte Gitarren mit gewölbter Decke gesehen, die einen wesentlich stärkeren Bass als Gitarren mit flacher Decke produzierten. Daraufhin dachte ich: Genau so muss ich es machen! Aber ich musste feststellen, dass ich nicht genau beobachtet hatte. Die Gitarrenbauer, die die starke Wölbung verwendeten, trauten sich gleichzeitig ihre Decken dünner zu machen. Das heißt, der Bassanteil wurde durch die dünneren Decken gefördert und nicht durch die stärkere Wölbung.

Die Wölbung verschlechtert den Bass, da die Decke als Ganzes nicht mehr so gut schwingen kann. Die Teilung der Decke in verschiedene Schwingungsbereiche bleibt zwar erhalten, aber das Spektrum ist bei einer gewölbten Decke kleiner. Das tiefe Grundtonspektrum wird angehoben, das Obertonspektrum dagegen bleibt gleich. Dies ist der Grund, warum meine Gitarrendecken ganz flach sind.

Hajo:
Wie löst Du das Problem der Einfalls der Decke vor dem Steg?

Matthias:
Ich sehe darin gar kein Problem. Das Einfallen ist nicht die Konsequenz der Flachheit der Decke. Es gibt viele Gitarren, die flache Decken haben und nicht so stark einfallen. Es ist vielmehr eine Konsequenz der Elastizität des Materials. Wenn ich ein Instrument sehr tief abstimme, dann muss es auch flexibler sein. In diesem Fall teilen sich nicht nur die Schwingungen der Decke stärker mit, sondern auch die statischen Spannungen. Die Spannung der Saiten lässt den Steg nach vorne kippen. Die Saitenlänge wird damit im Lauf der Zeit kürzer. 

Meine Problemlösung besteht darin, dass ich diesen Betrag mit ein berechne.Die Stegnut, in der der Sattel liegt, ist bei mir um ca. 5 Grad nach hinten geneigt. Wenn die Decke nach ca. einem Jahr einen stabilen Zustand erreicht hat und nach vorne eingefallen ist, steht die Stegeinlage aufrecht oder immer noch leicht nach hinten geneigt.

Zum Thema Kompensation: Die Saite muss immer etwas länger sein, als die Mensur vorschreibt. So werden z.B. bei einer 65 cm Mensur normalerweise 1-2 mm dazu gegeben. Durch das Nachvornekippen des Steges verschwinden diese 1-2 mm und die Gitarre ist nicht mehr oktavrein. Auch die Steghöhe ist wichtig, da vom Abstand der Saite über der Decke das Kippmoment abhängt. So gebe ich der Saite 3-3.5 mm mehr. Dies führt dazu, dass die 1. Oktave der Saite zu Beginn am 12. Bund etwas zu tief liegt. Aber nach einem Jahr ist das Gleichgewicht erreicht und die Stimmung ist korrekt.

Hajo:
Hast Du keine Angst, dass Deine filigrane Decke einmal zusammenbricht? Oder: "Stimmt" deine Gitarre auch noch nach 20 Jahren ?

Matthias:
Ich baue seit 1985 Gitarren und habe schon 1990 eine 10-saitige Gitarre in Sandwich-Technik gebaut. Aber                     ich habe noch nie gehört, dass meine Gitarren kaputt gegangen sind. Doch halt: die 10-Saitige Gitarre ist kaputt, weil sie beim Transport irgendwie unter die Räder gekommen ist.

Das Einfallen der Decke macht die Gitarre nicht kaputt. Ich habe sehr viele defekte Gitarren gesehen, aber nicht eine davon ist durch einen eingefallenen Steg geborsten. Risse entstehen interessanterweise nicht in Querrichtung, sondern immer in Längsrichtung. Es sind fast immer Trockenrisse.Und wenn es Intonationsprobleme gibt, weil z.B. die Stegposition nicht mehr stimmt, kann man dies ja leicht korrigieren. Das Einfallen der Decke ist ja kein Vorgang ohne Ende, sondern es ist ein Gleichgewichtszustand, der nach ein bis zwei Jahren erreicht ist. Ich kann dies auch bei Torresgitarren bestätigen, die um die 120 Jahre alt sind. Die elastischen Decken sind zum Teil stark eingefallen, aber immer noch völlig stabil.

Hajo:
Wie nimmst Du die Gesamtabstimmung des Instrumentes vor ?

Matthias:
Mein Augenmerk liegt darauf, eine Übereinstimmung der beiden Resonanzsysteme, also der Saite und des Korpus, zu erreichen. Diese Systeme müssen in zwei Beziehungen übereinstimmen:

Erstens: Die Grundabstimmung muss angepasst werden. Die Saiten sind in einer Bass / Tenorstimmung- vergleichbar dem des Cellos - gestimmt. Der Korpus dagegen kann natürlich verschiedene Stimmungen haben, sollte aber genau der der Saiten entsprechen.

Bei vielen Gitarren, die in den 70er, 80er Jahren gebaut wurden und speziell den spanischen Gitarren aus diesem Zeitraum, hatte man den Eindruck, als hätte man auf einen Geigenkorpus Cellosaiten aufgezogen. Sie hatten einen nasalen Charakter. Der Obertonbereich wurde sehr stark abgestrahlt, der Grundton nicht. Bei der Gitarre von einer Resonanzfrequenz zu sprechen ist nicht ganz korrekt. Es ist nicht ein bestimmter Ton gemeint. Ein Musikinstrument ist ein sehr breitbandiger Resonanzkörper. Dieses breite Band kann in einem tiefen, mittleren oder höheren Bereich liegen. Aus diesem Grund ist ein Cellokorpus größer als ein Geigenkorpus. Der Korpus muss der Stimmung der Saite entsprechen.

Der zweite Punkt ist die Masse: Die Saitenmasse ist relativ gering. Es macht keinen Sinn mit einer geringen Masse (wie die der Gitarrensaite) einen Korpus anzutreiben, der z. B. die Masse eines Cellokorpus hat. Der Cello-Korpus wäre von der Abstimmung durchaus geeignet, aber die Masse, die in Schwingung versetzt werden müsste, wäre zu groß.

Das bedeutet für unser Instrument: Die Masse der schwingenden Deckenfläche muss ein ganz bestimmtes Verhältnis zur Saitenmasse haben. Ist die Deckenmasse zu hoch, ist der Gitarrenton lang, aber ohne Intensität. Ist sie dagegen zu gering, wird der Ton äußerst perkussiv, verliert aber den Nachklang. Die meisten Gitarren scheinen mir in der schwingenden Deckenfläche zu schwer zu sein, so dass es zu keiner Klangintensität kommt.

In der Physik bezeichnet man diese Masse als Scheinwiderstand oder Impedanz. Diese spielt eine Schlüsselrolle bei jeglicher Kraftübertragung, so auch bei derjenigen der Saitenschwingung auf die Gitarrendecke.Ungeachtet dieser Bedeutung ist dieser Aspekt im Gitarrenbau unerforscht bis unbekannt.

Hajo:
Wie siehst Du die Zukunft das Entwicklungspotential der Gitarre?

Matthias:
Eigentlich ist alles ausprobiert worden. Ich erkenne im Gitarrenbau eigentlich kein großes Entwicklungspotential.

Ein anderer Punkt sind die beteiligten Personen:
Gitarrenbauer sollten sich vielleicht etwas mehr musikalisch bilden. Die Möglichkeit das Instrument selbst zu erfahren und zu erschließen, sollte ein integrativer Bestandteil ihrer Ausbildung sein. Vielleicht wäre sogar ein Musikstudium anzuraten. Das klangliche und musikalische Training bewirkt konkrete Klangvorstellungen, die in den Bau einfließen.

Auch in den Spielern liegt noch Entwicklungspotential. Ich glaube, dass die Gitarrenbauer zum größten Teil ihre Sache schon ganz gut machen. Von den Spielern wird ihr Beitrag zum Klang der Gitarre, die Anschlagsmechanik, leider im Durchschnitt nicht die nötige Priorität eingeräumt. Das hat natürlich auch mit dem leidigen Thema Fingernägel zu tun.

Ich glaube, dass das Entwicklungspotential in der Zusammenarbeit von Spieler und Gitarrenbauer liegt. Hieran sollte gearbeitet werden.

Dieser Artikel erschien in der Gitarre Aktuell