18 May 2012

Lautenbau bei David van Edwards II

Moderne und Tradition
Wenn heute nichts mehr geht, dann geht man ins Internet und findet dort vieles, aber nicht alles. Doch wir sind hier in einer Gitarrenzeitschrift, die auch hin und wieder bei der Nachbarin, der Laute, an der Tür klopft. Aber bleiben wir beim Thema: Lautenbau und Internet, wie geht das zusammen. Erinnern wir uns: Es ist noch keine zwei Jahre her, da bot David Van Edwards, ein renommierter englischer Lautenbauer über das Internet einen Kurs zum Bau einer Barocklaute an, der nicht nur gut besucht war, sondern auch über die Welt verteilt viele schöne Lauten erstehen liess.
  ©  van Edwards 
  ©  van Edwards 

Eine Erfolgsgeschichte nicht nur für den erfahrenen Lautenbauer, sondern auch für die "Schüler", die sich auf das Abenteuer einließen und ein sehr spezielles Instrument bauten: Sie hatten ihr individuelles "Meisterinstrument" selbst gebaut. Ein kleiner Triumph über die Uniformität heutiger Produktionsprozesse.

Erfolg macht süchtig und was gut ist, kann verbessert werden. So bietet David Van Edwards einen neuen Kurs an, dessen Zielgruppe über die klassischen Lautenspieler hinausgeht, indem er speziell auch für Gitarristen ein Instrument zum Bau anbietet, daß Grundzüge der gitarristischenSpieltechnik unterstützt: Eine 6 oder 7 chörige Renaissance Laute. Für Gitarristen, die bisher mit ihren 6 Saiten klar kamen und musikalisches Material aus dieser Zeit auf einem nachempfundenen "Originalinstrument" spielen wollen, kann das Angebot verlockend sein.

Die Renaissance Laute basiert auf einem Modell von Georg Gerle (ca.1560) und orientiert sich an einem Modell ohne es sklavisch nachzubauen. Dieser Ansatz ist vernünftig, da auch bei präzisester Rekonstruktion aufgrund verschiedener Hölzer, Leime etc. zwar eine originalgetreuemechanische Kopie möglich ist, die aber wenig mit einer Kopie der akustischen Eigenschaften des alten Instrumentes zu tun haben würde. Die Mensur ist 60cm. Es ist ein 6 chörige Laute, die auf eine 7 Chöre erweitert werden kann.

Weitere Fakten gefällig:

  • Der Kurs kommt in einem roten Karton mit einer CD-Rom und Plänen in Originalgröße
  • Es sind auch wieder drei Vorschläge für verschiedene Rosetten beigelegt
  • Er hat 46 Lektionen, die man jeweils in ca. 3 Stunden abarbeiten kann
  • Die Bilder habe ich dieses mal nicht gezählt- Es sind mehrere tausend in allen Detailauflösungen, die all das veranschaulichen, was mit Worten schwer beschreibbar ist.
  • Es sind ausführliche Beschreibungen beigefügt, wie die notwendigen Hilfswerkzeuge gebaut werden können.
  • Die Unterrichtsspracheist englisch.
  • Die Kosten liegen bei ca. 144 Euro.
  • Weitere Informationen bei  http://www.vanedwards.co.uk/renlute.htm
So what's really new?

Wenn man den Kurs nur flüchtig durchblättert, erinnert außer dem neuen Lautenmodell, vieles an den schon bekannten Kurs des Barockmodells.

Doch dieser schnelle Eindruck trügt. David Van Edwards hat zwar nicht den prinzipiellen Aufbau des Kurses geändert - Warum sollte er auch?

-, aber im Detail erkennt man viele Verbesserungen. Es sind die praktischen Erfahrungen der letzten Online-Kurse, die das Lehrmaterial ergänzen und komplettieren. Im Laufe der letzten Onlinekurse wurden in Diskussionsforen immer wieder Fragen von Kursteilnehmern aufgeworfen, der Beantwortung der Lautenbaumeister nachliefern mußte. Diese an der Praxis orientierten inhaltlichen Vertiefungen des Lehrmaterials, sind jetzt alle auf der CD-ROM vorhanden. Diese scheinbar kleinen Modifikationen erhöhen aber die Verständlichkeit der zum Teil komplexen Beschreibungen der Arbeitsvorgänge wesentlich. So werden z.B. bei der Vorbereitung und dem Einbau jeder Rippe (jeweils eine Lektion a 3 Stunden) verschiedene Variationen von Einbautechniken vorgestellt. So kann jeder wählen, wie er die diffizile Feinarbeit am Besten angehen kann.

Somit ist es fast schon selbstverständlich, daß man den Kurs bevor der Hammer geschwungen wird, einmal durchlesen sollte, um einen Blick für die Baustufen zu bekommen und auch Entscheidungen treffen zu können an welcher Stelle die Präzisionsschraube angezogen werden muß.

Ein weiterer Pluspunkt findet man am Schluß des Kurses: Das Begleitmaterial.

Ein Lautenbauer ohne Holz ist arm dran und wenn man kein Gewerbe angemeldet hat, ist es sehr schwer gute Materialien zu finden. An diesem Punkt hilft eine weltweite Liste der Lieferanten, versehen mit Kommentaren über die jeweiligen Stärken der Firmen. Von der Fülle der Informationen wird man fast erschlagen. Eine solche Liste hätteich mir vor ein paar Jahren gewünscht. Aber gut, hier ist sie. Aber es gibt noch mehr Begleitmaterial zu finden:

  • Musik für die Instrumente
  • Tutoren und Lehrer
  • Diskussionen über Vor- und Nachteile verschiedener Saitentypen
  • Anleitungen zum Schärfen der Werkzeuge
  • Anleitungen für die Zubereitung von Leim
  • ...
Eigentlich kann beim Bau nichts mehr schief gehen, denn man man keine Angst haben, beim Bau der eigenen Laute mit der CD-Rom allein gelassen zu werden. Selbstverständlich ist eine begleitende Hilfe bzw. Hotline über das Internet vorgesehen und wenn man mal nicht die klugen Ratschläge des Meisters direkt hören will, kann man sich auch mit den eigenen Baugenossen kurzschliessen. Die weltweite Lautenbauerszene ist im Internet in den letzten Jahren sehr aktiv geworden. So betreibt Wayne Cripps von der American Lute Society einen viel besuchten Emailreflektor zum Lautenbau.

Die Vervollständigung der Informationen bezieht auch die anderen Kapitel über Werkzeuge etc. ein. Aber auch hier ist David van Edwards seinem Trend treu geblieben: Was man selbst herstellen kann, sollte man auch selbst herstellen. Er stellt keine industriekonformeWare nach dem neuesten Design, sondern alte, aber praktische Werkzeuge vor. Eine Beruhigung für den Geldbeutel, denn es muss nicht immer das Neueste sein.

Neben kleineren Exkursen über die notwendige Genauigkeit bei den Holzarbeiten (Es ist keine Ingenieursarbeit, aber man sollte so genau arbeiten wie man kann) findet sich auch eine längere Diskussion, ob man die 6 oder 7-chörige Laute bauen soll. Die Argumentation von van Edwards bezieht nicht nur die verschiedenen Klangcharakteristika mit ein, sondern befassen sich ausführlich mit dem Repertoire für die beiden Instrumente. So wurden wohl die meisten Werke von Dowland für die 7chörige Laute schrieben. Aber bevor man seine Werke angemessen präsentieren kann, wird wohl einige Zeit vergehen, da Dowlands Werke zu den zum schwierigeren Repertoire gehört. Die Antwort zu seiner Frage gibt van Edwards selbst: Why not make both!

In diesem Sinne müßte ich eigentlich auch noch die Barocklaute bauen und wer weiss was David van Edwards als nächsten Kurs plant. Ergebnis: Highly recommended! AAA+